Film

Bis heute: die Stereotypisierung der Roma

Immer wieder mahnt der Zentralrat der Deutschen Sinti und Roma aktuelle Tatort-Produktionen ab, wenn diese antiziganistische Vorurteile bedienen und kein Klischee auslassen. Klischees, die auch die vielfach ausgezeichneten und sich großer Beliebtheit erfreuenden Werke von Emir Kusturica wie Time of the Gypsies, Schwarze Katze, Weißer Kater oder Underground aufweisen. Dort geraten die Roma, wie auch alle anderen Protagonisten, zu Karikaturen einer grotesk bis surreal gezeichneten postsozialistischen Welt. Kusturicas Zerrbilder lassen differenziertere Sichtweisen auf Sinti und Roma komplett verschwimmen. (Quelle: http://www.goethe.de/kue/flm/fmg/de9172364.htm)

Viele Angehörige der Roma wurden und werden noch immer aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit und ihrer sozialen Situation gesellschaftlich ausgegrenzt. Diese Realität fehlt in der aktuellen medialen Auseinandersetzung, die sich im Wesentlichen noch immer der Fortschreibung tradierter Vorurteile und Zuschreibungen durch die Mehrheits-gesellschaft widmet. Die filmische Darstellung von Roma beschränkt sich seit Jahrzehnten auf die Inszenierung als romantische oder kriminelle „Zigeunerfigur“, wie etwa im Film und der Oper Carmen.
Auch die Lebenswirklichkeit vieler Roma, z.B. seit zwei Generationen in Bremen lebend von der Abschiebung bedroht zu sein, findet sich in klassischen filmischen Konzepten nicht wieder.
Dem hat das Festival seit 2010 mit der Präsentation von Spielfilmen, u.a. Liberté von Tony Gatlif, und Dokumentarfilmen wie Nirgendwo Kosovo von Silvana Santamaria bewusst ein selbstbestimmtes und -produziertes, authentischeres und politisch motiviertes Bild entgegen gesetzt. Wesentlich soll dazu der viertägige Video-Workshop beitragen, der in Zusammenarbeit mit dem Unicef-Projekt ‚one minutes jr‘  (http://theoneminutesjr.org/) statt findet.

Der  Eröffnungsfilm 2011, Belgrad Radio Taxi, erzählt die Geschichte von drei Menschen, die im Stau auf der Belgrad-Brücke auf schicksalhafte Weise miteinander verbunden werden. Es ist auch ein filmischer Blick auf die serbische Hauptstadt, in der alltägliches Glück und Unglück mit Pragmatismus und Melancholie gemeistert werden. Ein liebevoller Film über das Leben und die Liebe.
Gleichzeitig wird auch die Rolle der Roma im heutigen Serbien sichtbar: Sie bleiben unscheinbar, leben am Stadtrand, sind ausgegrenzt. Das macht diesen Spielfilm so realistisch und liefert die Begründung genauer hinzuschauen. Und sich den Menschen zu nähern, die in europaweit ausgegrenzt werden.

Zwei Dokumentarfilme setzen dies im 2011er Programm auf außergewöhnliche Weise um: Die 19jährige Laura Halilovic recherchiert in ihrem preisgekrönten Film Me, my gipsy family & Woody Allen ihre eigene Familiengeschichte. Offen, selbstkritisch und hinter-gründig dokumentiert sie drei Generationen ihrer in Italien lebenden Roma-Familie.

Eliza Petkova hingegen dokumentiert in Willkommen Zuhause die Geschichten aus Deutschland abgeschobener Roma-Familien im Kosovo. Jugendliche, die in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen aufgewachsen sind, schildern ihre unglaubliche Geschichte, in einem ihnen unbekannten Land ihre „Heimat“ finden zu müssen.

Beide Regisseurinnen erlauben uns dabei auf unterschiedliche Weise Einblicke in eine Realität, die abseits der Mehrheitswirklichkeit liegt. In welcher Weise Ausgrenzung und Stigmatisierung Einfluß auf die Lebenssituation von jungen Menschen nehmen, thematisieren die beiden sehr unterschiedlichen ungarischen Spielfilme Vespa von Diana Groo und Happy New Life von Arpag Bogdan. Die einminütigen Kurzfilme der jugendlichen Workshop-Teilnehmerinnen ergänzen das Spektrum. Allesamt sind Bremen-Premieren.

Im Jahr 2012 blicken wir zurück auf die Geschichte des Kino in Jugoslawien, sehen den Balkan zur Zeit des NATO Einsatzes aber auch Episoden aus den heutigen Nachfolge-staaten. Eröffnet wird das Festival im Cinema Ostertor mit dem Spielfilmdebüt Whistleblower. In diesem hochkarätig besetzten Erstling kommt die Polizistin Kathrin (Rachel Weisz) im Dienste der UN einem Menschenhändlerring auf die Spur, den sie gegen den Willen ihrer darin verstrickten Vorgesetzten versucht, aufzudecken. Mit dem prämierten serbischen Dokumentarfilm Cinema Komunisto, der uns in die Glanzzeiten des jugoslawischen Kinos mitsamt seiner Partisanenfilme führt, richtet sich in diesem Jahr der filmische Blick bewusst auch zurück. Doch während Cinema Komunisto und Whistleblower den filmischen Rahmen bilden, liegt der Fokus auch in diesem Jahr auf der Situation der Roma: Das drohende Verschwinden der 600jährigen Roma-Kultur durch die Gentrifizierung in Istanbul dokumentiert beispielsweise der Film Mein Haus stand in Sulukule. Der Film Revision hingegen spürt die Hintergründe zweier Schicksale im Deutschland der 1990er Jahre, kurz vor den Progromen in Rostock-Lichtenhagen, auf. Und neben vier Kurzfilmen über Alltag, Träume und Kunst stellen wir die Sintezza, Künstlerin und Holocaust-Überlebende Ceija Stojka in einem beeindruckenden Filmportrait vor.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.